Die Wissenschaft um 1800

Auf zahlreichen Gebieten machte die Wissenschaft von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an schlagartig große Fortschritte. Es kam zu spektakulären Erfindungen, die eine große Rolle auch für gesellschaftliche Entwicklungen hatten, wie z.B. die Erfindung der Dampfmaschine oder des Heißluftballons. Aber auch Erkenntnisse zur  Psychologie, vor allem zu den Anfängen der Traumdeutung, waren von höchster Bedeutung - gerade z. B. für die Dichtung der Romantik. Schon vorher machte eine neue "Wissenschaft" Furore: die Lehre der Physiognomie, die der Frage nachging, inwieweit das Aussehen eines Menschen Einfluss auf dessen Wesen und seinen Charakter habe. Lavater, ein Dichter, der den Stürmern und Drängern nahe stand, gehört zu den Begründern dieser Richtung. Seine Schriften waren auch für Schiller von Einfluss - beispielsweise in Bezug auf dessen Novelle Der Verbrecher aus verlorner Ehre.

Auch in der Medizin ging es voran - nicht zuletzt durch zwei Dichter, die zwar höchst unterschiedlich dachten, die aber beide im Bereich der Medizin forschten: Friedrich Schiller mit seiner Doktorarbeit zum Thema: "Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" und Georg Büchner mit seiner Vorlesung "Über Schädelnerven". Und auch auf dem Gebiet der Physik wurde Großes geleistet: Elektrizitätslehre und Magnetismus wurden erforscht und Weichen gestellt für die heutige Elektrotechnik. In der Chemie und Meteorologie machte John Dalton bahnbrechende Entdeckungen, vor allem zum Thema Atommasse.

Darüber hinaus begann man jedoch auch (vor allem im Umfeld der Aufklärung), systematisch Tierversuche durchzuführen. Die Natur sei eine Sklavin, die man mit Hunden hetzen und so lange foltern müsse, bis sie ihre letzten Geheimnisse preisgebe, meinte etwa Francis Bacon. Man sieht darin die Geburtsstunde heutiger Tierversuche und überhaupt der Art und Weise, mit der Natur umzugehen.

Demgegenüber und in scharfem Kontrast dazu stand die Art und Weise, wie die Vertreter der Weimarer Klassik, allen voran J. W. Goethe, Naturwissenschaft verstanden, nämlich als den Versuch, die Welt als Ganzes zu sehen und zu verstehen - oder dies zumindest zu versuchen. Kunst und Wissenschaft wurden nicht als Gegenpole gesehen, sondern als notwendige Ergänzung, als zwei Seiten derselben Münze.
Dies erklärt auch, warum Goethe z.B. viele Jahre so gut wie nichts Literarisches geschrieben hat, sondern "nur" naturwissenschaftliche Schriften, darunter seine berühmt gewordenen Untersuchungen zum Zwischenkieferknochen, mit denen er die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier nachweisen konnte, seine Aufsätze über Botanik, seine Witterungslehre und seinen Aufsatz Über den Granit, den er verfasste, als er den Bergbau in Ilmenau zu beaufsichtigen hatte. Das Naturverständnis dieser Jahre kommt besonders gut zum Ausdruck in einem bekannten Fragment von 1780, das zwar nicht von Goethe stammt, das dieser aber später irrtümlich für seines hielt, und in einem weniger bekannten Aufsatz aus dem Jahr 1818. Hier beschäftigt sich Goethe mit dem Verhältnis von Dichtkunst und Wissenschaft. Der enge Zusammenhang von Kunst und Wissenschaft kommt in seinen Ausführungen zu seiner Farbenlehre zum Ausdruck - die für ihn sein wichtigstes Werk überhaupt war.
Aufschlussreich über die Denkweise Schillers und Goethes ist der Brief Schillers vom 23.8.1794, der die Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Dichter begründet und in dem Schiller die Anschauung Goethes charakterisiert.

Alexander von Humboldt, weit vor Goethe der berühmteste Mann seiner Zeit und bis heute eines der universalsten Genies, wies immer wieder darauf hin, dass es vor allem Goethe war, der ihm seine Anschauung über die Natur vermittelt hatte. Aus seinem Hauptwerk "Kosmos" wird die umfassende, universale Sichtweise der Weimarer Klassik deutlich.
 
 

 
 
 

 
 

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