Die Stadt um 1800: Weimar zur Goethezeit

Räumliche Entwicklung - Sozialstruktur und Arbeitswelt  - Infrastruktur - Hygiene und GesundheitKriminalität - Katastrophen

Räumliche Entwicklung

Das 1254 erstmals erwähnte Weimar nahm durch den ständigen Zuzug des Adels schnell den Charakter einer Residenzstadt an. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte Weimar 3000 Einwohner und war zur Residenz des Herzogtums Sachsen-Weimar geworden. Es lag jedoch fernab von den großen Handelsstraßen und vergrößerte sich somit kaum mehr bis zu Goethes Ankunft (ca. 6000 Einw.). Mitte des 18. Jahrhunderts gab es 8000 Einwohner.

Das Stadtbild hingegen hatte sich durch verschiedene Brände immer wieder verändert. Die Häuser waren oftmals nur einstöckig und bestanden aus Materialien wie Weidengeflecht, Lehm, waren mit Fachwerk bestückt und die Dächer waren zunächst aus Stroh, später dann wegen der Brandgefahr aus Schindeln. Die Scheunen wurden nach und nach aus der Stadt herausgenommen und dadurch wurde es geringfügig sauberer. Nur wenige Bürgerhäuser konnten als herausragend bezeichnet werden (z. B. Goethes Wohnhaus und das Bertuchhaus). Die Gassen der Stadt waren eng und winklig und der übelriechende Kanal "Lotte"Der Lottenbach in Weimar, der sie durchfloss, diente den Bewohnern als Abwasserkanal. Seit 1732 gab es eine kaum ausreichende Straßenbeleuchtung (mit Fischtran betriebene Wandlaternen).
Zeitgenössische Aussagen  vermitteln  ein lebhaftes Bild von der Situation um 1800.

Sozialstruktur und Arbeitswelt

Bis zu Goethes Ankunft in Weimar 1775 herrschte in Weimar ein provinzielles, einsames, selbstgenügsames Leben. Selten gab es Märkte, 2 mal / Woche erschien eine Zeitung und 4 mal / Woche wurde das Postamt geöffnet. Die Stadtordnung war noch von 1590. Goethe sollte die Erziehung des Erbprinzen Karl August übernehmen. Den Regierungssitz hatte die Herzoginwitwe Anna Amalia inne. Die Residenz galt als Exilort für vertriebene französische Adlige, ebenso wurden ausgebrannte und geplünderte Weimarer Bürger aufgenommen. Dennoch gab es zwischen Adel und Bürgertum soziale Spannungen. Der Weimarer Adel war nicht besonders reich und zeichnete sich auch nicht gerade durch Weltoffenheit und Bildung aus. Selbst das Theater war vor dem Strümpfestricken der Frauen nicht sicher. Die Adligen bekleideten hauptsächlich politische Posten. Die übrigen Bewohner Weimars gingen vor allem althergebrachten Berufen aus dem Dienstleistungsgewerbe nach (Schneider, Bäcker, Schuhmacher, Fleischer, Seifensieder, Wagner, Perückenmacher). Die meisten Gewerbe waren überbesetzt und es gab Probleme mit dem Absatz und der Arbeitsbeschaffung. Eine zweite Berufsgruppe waren die subalternen städtischen Verwaltungs- und Polizeibeamten und die dritte Gruppe bestand aus dem Hofgesinde. nur sehr wenige der Einwohner waren vermögend und die meisten mußten Nebenerwerbstätigkeiten nachgehen. Dadurch gab es viele Kriminelle und Bettler, die der Stadt verwiesen wurden. Schusterwerkstatt
Ende des 18. Jahrhunderts trat durch Bertuchs Gründung des Landes-Industrie-Comptoirs eine gewisse Besserung ein. Es handelte sich dabei um eine Art Verlag, aber auch Möbel, Kunstblumen und Souvenirs wurden hergestellt. Das machte Neueinstellungen nötig.
Dennoch waren Weimars Bewohner nach wie vor eher arm, was an folgenden Zahlen verdeutlicht wird :
Vermögen bis 500 Taler : 37%
Vermögen bis 1000 Taler : 20%
Vermögen bis 5000 Taler : 33%
Vermögen bis 10000 Taler : 7%
Vermögen bis 14000 Taler : 1, 5%
Vermögen über 19000 Taler : 1, 5%
Diese Zahlen verdeutlichen den Wert des Gesamtvermögens der Menschen, vor allem also ihr Hab und Gut, nicht etwa ihr finanzielles Kapital, denn es war nicht viel Geld im Umlauf.
Goethe  beispielsweise hatte ein Vermögen von 22000 Talern.
Für ein gut-bürgerliches Leben brauchte man ca. 2000 Taler /Jahr. Es gab aber auch viele, die sehr wenigverdienten: ein Handwerksgeselle verdiente z.B. 60-80 Taler /Jahr.
Die Führung eines gutbürgerlichen Haushalts war, wie bereits schon erwähnt, sehr kostenaufwendig und nur finanziell besser Gestellte konnten sich einen Garten oder eine Laube leisten. Auch die Gründung einer Familie konnte ein ökonomisches Problem darstellen. Normalerweise gab es nur Wirtschaftsehen, Liebesehen wurden sehr selten geschlossen.

Infrastruktur

Da Weimar abseits der Handelsstraßen lag, waren die Wege und Chausseen in einem schlechten Zustand. Bauern, die auf dem Land lebten, beförderten ihre Waren für Märkte auf dem Rücken und andere, die über Land fuhren, hatten nicht selten Unfälle. War eine Straße instand gesetzt worden, so mußte man ein Chausseegeld entrichten.
Ab 1757 gab es feste Postverbindungen und bis zur Eröffnung der Eisenbahn konnte man sich von Portechaisen und Lohnkutschern befördern lassen. Ab der Jahrhundertwende hatten Vermögende auch eigene Kutschen. Für längere Reisen wurde üblicherweise ein Begleiter mitgenommen.
Zwischen Weimar und Jena gab es einen Botendienst, der für die Strecke vier Stunden benötigte.
Zweimal pro Woche mußten Weimars Einwohner die Straße kehren.

Hygiene und Gesundheit

Eines der größten Probleme war die Sauberhaltung der Straßen und der Abtransport von Müll, Mist und Fäkalien. Es gab wilde Müllplätze, gegen die der Stadtrat einzuschreiten versuchte. Die Menschen kippten den Inhalt ihrer Nachttöpfe einfach auf die Straße, was aber 1774 auf die Zeit nach 23 Uhr eingeschränkt und 1793 schließlich ganz verboten wurde. Daraufhin vermischten die Weimarer ihre Exkremente mit dem Viehmist und transportierten diese so, was gegen die Stadtordnung verstieß, tagsüber ab.
Die Wasserversorgung war ebenfalls nicht leicht (1800 Wassernot). Damit die Brunnen im Winter nicht zufroren wurden sie mit Pferdemist abgedeckt. Häufig kam es auch zu gedankenloser Verschmutzung der Brunnen. Die vorhandene öffentliche Badeanstalt wurde kaum genutzt.
Man lebte im ständigen Kampf gegen Wanzen, Flöhe und Ratten, selbst in den besseren Gasthäusern. Ein weiteres Problem stellten die herumstreunenden Hunde und die damit verbundene Gefahr der Tollwut dar.
Auf Grund all dieser schlechten hygienischen Gegebenheiten kam es vielfach zu Massenepidemien. Die hohe Sterberate wurde durch die hohe Geburtenrate wieder ausgeglichen. Die medizinische Betreuung war auf einem niedrigen Niveau und nur reichere Familien konnten sich einen eigenen Hausarzt leisten.
1763 wurden auf Anregung Anna Amalias hin Amtsärzte eingestellt und Hebammen ausgebildet.
In einem normalen Monat ohne Epidemien starben die Menschen unter anderem an Lungensucht, Nervenfieber, Schwäche, Krämpfen, Knochenfraß, Wochenbett, Faulfieber, Wurmbeschwerden. Die Ärzte verordneten Dinge wie Schröpfköpfe, Wickel, Senfpflaster, Branntwein oder Abführmittel. Arzneien mussten sie selber herstellen.

Bereits um die Jahrhundertwende konnte gegen Pocken geimpft werden, wobei das auf vielerlei Vorbehalte unter der Bevölkerung stieß. Durch Verbote und Verhaltensregeln versuchte die Obrigkeit den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu verbessern. Allerdings versuchten auch viele Scharlatane ihr Werk und behandelten Dinge wie Hühneraugen.
1832 wurde ein Hospital für Hilfsbedürftige eingerichtet, in dem aber nur 20 Personen aufgenommen werden konnten.

Kriminalität

Schon zu der Zeit gab es vielerlei verschiedene Straftaten, die die Menschen damals schlichtweg aus Notsituationen heraus begingen. An der Spitze lagen Kleiderdiebstahl, Nahrungsmitteldiebstahl, Trunkenheit, Stehenlassen von Vieh auf öffentlichen Straßen ohne Aufsicht, Betrug von Bäckern und Händlern nach Mißernten, etc.
Den Tätern wurden Geldstrafen auferlegt, sie kamen ins Gefängnis und im schlimmsten Fall ins Arbeits- oder Zuchthaus (mit Irrenhaus gekoppelt ). War den Bürgern etwas entwendet worden, so übten sie häufig auch Selbstjustiz. In Zeitungen konnte man Steckbriefe finden.
Bargeld wurde kaum gestohlen, da nicht viel davon im Umlauf war. Bei Vagabundieren, Betrug und Prostitution wurde man des Landes verwiesen.
Ab 1783 schränkte man die Folterstrafe ein, wohingegen es zwischen 1813 und 1824 fünf Hinrichtungen gab, die vor allem eine abschreckende Wirkung auf andere haben sollte.
Schwerere Delikte, wie z. B. die Tötung eines unehelichen Neugeborenen, erfolgte häufig aus Angst vor der öffentlichen Meinung sowie aus Existenznot oder wenn die Mutter den Namen des Vaters nicht angeben konnte, da sie ansonsten vier Wochen Zuchthaus bekommen hätte.

Katastrophen

1774 Schlossbrand
1806 Plünderung und Brandschatzung Weimars
1813 Gefechte im Rahmen des Freiheitskriegs
1825 Theaterbrand

Brände: Auf Grund der Gebäudesubstanzen breiteten sich Brände schnell aus. Bürger, die bei der Brandverhinderung halfen, wurden belohnt. 1835 trat eine Feuer- und Löschordnung in Kraft und das Theater wurde in der Rekordzeit von nur neun Monaten wiedererrichtet.

Das schlimmste Ereignis war aber die Flucht der Preußen durch Weimar nach der Schlacht von Jena und die anschließende Brandschatzung durch die Franzosen und die Plünderung. Nachdem die Franzosen 1813 endgültig vertrieben waren, kamen Russen, Kosaken und Baschkiren. Als 1814 Karl August zurückkehrte, waren die Befreiungskriege beendet.
Kleinere Katastrophen manifestierten sich in Epidemien, Seuchen und Überschwemmungen.
 

 
 
 

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