Verschwendungssucht und Unmoral


Einer, der es wissen mußte, nämlich Giacomo Casanova, beschrieb den Stuttgarter Hof des Jahres 1760 als den „brillantesten" in ganz Europa. Man gab sich offenbar zügellos seinen Vergnügungen hin, und die grenzenlose Lust des fürstlichen Souveräns an der Selbstdarstellung trieb immer neue Blüten.

In engem Zusammenhang mit der Vergnügungssucht Carl Eugens stand die zur damaligen Zeit an praktisch allen Fürstenhöfen verbreitete Unmoral. Das Mätressenwesen war absolut üblich. Es gab überdies ein Rechtsgutachten der juristischen Fakultät der Universität Halle, in dem festgestellt wurde, daß „Fürsten und Herren den gewöhnlichen, für Private geltenden Gesetzen nicht unterworfen, sondern lediglich Gott für ihre Handlungen Verantwortung schuldig seien und daß daher auch ein ungeregeltes Liebesverhältnis mit einem Grossen für eine Person nichts Entehrendes enthalte, dass vielmehr auf eine solche Etwas von dem splendeur ihres amanten übergehe." Neben seinen Mätressen hatte Carl August zahllose kurze Liebschaften, unter anderem mit sämtlichen Sängerinnen und Tänzerinnen seiner Oper und seines Balletts. Außerdem verschleppte er öfters Töchter seiner Untertanen, und wenn eine von ihnen hinterher schwanger war, wurde sie mit dem schäbigen Geldbetrag von 50 Gulden „ein für allemal" abgefunden.

Besonderer Erwähnung bedarf ein tragischer Fall, mit dem der Herzog in höchst unrühmlicher Weise verknüpft ist, betraf es doch ein Mädchen aus einer der angesehensten Familien, das Opfer der Begierden des schrankenlos sich auslebenden Landesfürsten wurde. Über den berüchtigten Solituder Fall sagen die äußerst zurückhaltend verfaßte Geburtsanzeige und eine Todesanzeige vom gleichen Tag für den kundigen Leser genügend aus. Er brachte großes Leid in die Familie des bekannten Professors Jahn an der militärischen „Pflanzschule“. Die erste Anzeige vom 21. April 1772 lautet: Geboren ein Sohn namens „Carl", Mutter: Die Jungfer Friderike Jahnin, Pate: Gerlinger Pfarrer und Hofstaatsprediger Pfeilsticker und Professor Drescher an der militärischen Pflanzschule. (Die Vaterschaft ist begreiflicherweise nicht angegeben, der Name des Kindes sagt es; wie umfangreich wäre die Patenschaft im Professorenhaus ausgefallen, wenn es sich um ein glückliches Ereignis gehandelt hätte.) Fast bedrückend und schmerzvoll liest sich die Traueranzeige über den Tod der 17jährigen Mutter wider Willen: Am 21. April 1772 mittags um 4 Uhr starb an starkem Verbluten und Verkälten nach einem gehabten unglücklichen Zufall Jungfer Friderika, Herrn Professoris M. Joh. Friedr. Jahnen älteste Tochter und wurde den 23. darauf abends auf einem Trauerwagen hierher (Friedhof Gerlingen) gebracht und nach einer kurzen christlichen Einsegnungsrede Pastoris in ihr Grab eingesenkt.