Der Ursprung der Psychoanalyse

Mesmerismus,  Füssli, Der Nachtmahr  (Version 1782 / Version 1791)

Im 18. Jahrhundert unterbreitete der Arzt Franz Friedrich Anton Mesmer (geb. 1734 bei Konstanz, gest. 1815) der staunenden Öffentlichkeit seine Theorie vom „tierischen Magnetismus“ (Vorform der Hypnose) als Heilmittel gegen Krankheiten verschiedenster Art. Er hatte diesen als eine Art Hypnose auch durchaus erfolgreich zur Heilung seiner Patienten angewandt. 1785 jedoch wurde seine Lehrmethode durch eine wissenschaftliche Untersuchungskommission verworfen, und Mesmer fiel zunächst in Vergessenheit. Dennoch gilt er als Begründer der modernen Hypnose. Mesmer steht - wie auch Schubert - an der Gelenkstelle zwischen Aufklärung und Romantik. Auf der einen Seite stehen die vernunftorientierten Entdecker mit dem Erkenntnisdrang der "Faustischen", auf der andern Seite diejenigen, die an das Übernatürliche glauben. Es ist die Zeit des dialektischen Umschlags der Aufklärung in den "Mythos", hier in Form des "animalischen Magnetismus", der auch als "Mesmerismus" bezeichnet wurde.

Schon bald wurden Mesmers Gedanken wieder aufgegriffen. Der Romantik ging es beim „Mesmerismus“ nun aber um wesentlich mehr als um die hypnotische Heilung von Kranken, nämlich um Geisterbeschwörung, Wahrsagerei u.ä. 1808 machte ein Buch mit dem Titel: „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft“ Furore. Sein Verfasser, der Mediziner Gotthilf Heinrich Schubert, griff die Gedanken Mesmers auf und ging noch viel weiter als dieser. Er vertrat nämlich die Ansicht, das magnetische Zentrum des Menschen sei das Herz. Indem er damit auch den Menschen und die ganze belebte Welt als „magnetisch“ ansah, glaubte er die „Verbindung aller einzelnen Weltkörper zu einem Ganzen“ entdeckt zu haben, eine Art „romantischer Weltformel“ also. Dies sorgte in der Zeit naturgemäß für größte Aufregung, zumal Schubert seine Aussagen noch mit erstaunlichen Experimenten (Hypnose) sinnfällig machen konnte. Ein Weg schien entdeckt, den Menschen in einen „Zustand höheren Bewußtseyns“ versetzen zu können – der ursprünglichste Traum der Romantik schien erfüllbar zu werden. Schubert stand in einem regen geistigen Austausch mit den großen Denkern seiner Zeit, darunter Herder, Schelling, Hegel, Clemens Brentano, die Brüder. Schlegel, Tieck, Jean Paul, Goethe,  Platen und Kleist sowie dem Maler C. D. Friedrich. Schubert  wollte eine religiös fundierte Gesamtdeutung des Kosmos geben. Vom Denken der Romantik zu umfassender Spekulation angeregt, erschloss er seinen Schülern im Verweis auf die Spuren Gottes in der Natur und in der menschlichen Seele ein Christentum von ökumenischer Weite.

Freilich war die damalige „Seelenkunde“ zu großen Teilen auch eine Modeerscheinung, und die einschlägigen Werke wurden schaudernd an den Teetischchen der feinen Gesellschaft goutiert. Der Unterhaltungswert dieser „Wissenschaft“ war groß. In der (wissenschaftlichen) Rezeptionsgeschichte von Schuberts Werken waren dagegen weniger seine Aussagen zum Mesmerismus von Bedeutung, als vielmehr seine Symbolik des Traumes (1813/14). Dieses Werk gehört zu den einflussreichsten Büchern seiner Zeit. Die Fernwirkung des Traumbuches reicht über E. T. A. Hoffmann, Justinus Kerner, Platen und Hebbel bis zu Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Mit diesem wissenschaftlichen Werk wird zum ersten Mal der Traum zum festen Bestandteil des Lebens und zu etwas Natürlichem.

Schubert misst dem Traum eine sehr wichtige Funktion bei, indem dieser verschlüsselt und in assoziativen Verknüpfungen umfassender, als jede verbale Formulierung dies vermag, Dinge und Zusammenhänge ins Bild setzt. Hier schon wird klar, warum Schubert für die Romantik so wichtig war, denn „seine“ Sprache, das heißt die des Traumes ist unabhängig vom Wort, ist nicht durch dieses eingeschränkt und festgelegt. Sie vereint all das, was Dichtung, Musik und Malerei voneinander unterscheiden: sie ist bildhaft und doch dynamisch, assoziativ und doch informativ, und das alles in verkürzter, alles umfassender Form. Damit entspricht diese Sprache des Traumes der Komplexität der Welt viel eher als jede Form von Dichtung oder Malerei, denn sie ist nicht an Raum und Zeit gebunden und allumfassend. Sie steuert die Kräfte – gerade auch die inneren Kräfte – der Natur des Menschen.
Doch Schubert misst dem Traum noch eine viel umfassendere Bedeutung bei: Seiner Ansicht nach bildet der Traum die Realität auch im Voraus ab, das heißt, er schließt von Vergangenem auf Kommendes und sagt dieses, freilich nur in vagen und verschlüsselten Andeutungen, voraus. Und nur der „versteckte Poet in unserm Innern“, also etwas, das die geheimnisvolle Sprache des Innern spricht, kann diese vage angedeuteten Voraussagen wahrnehmen und kann ihnen umgehen; das heißt, in jedem Menschen steckt ansatzweise ein „Poet“, also einer, der mit den Botschaften des eigenen Innern umgehen kann. Man darf nur vermuten, dass dieser „Poet“ nicht bei allen zum Ausdruck kommt.

Schubert hatte eine immense Breitenwirkung, nicht nur auf die Wissenschaft und das gelehrte Publikum, sondern auch auf die Dichter der Zeit, die allerdings sehr unterschiedlich darauf reagierten. E. T. A. Hoffmann beispielsweise baute Schuberts Erkenntnisse zur differenzierten psychologischen Beobachtung im durchaus modernen Sinne aus. Andere dagegen, wie Friedrich Schlegel oder Clemens Brentano verbanden Schuberts Lehre mit ihrer Auffassung des Katholizismus. In Wien versuchte Friedrich Schlegel beispielsweise, den katholischen Glauben mesmerisch zu begründen, und die katholische Kirche jener Zeit schwamm gerne auf dieser populistischen Welle mit.

Das Ganze hatte Auswirkungen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, ja sogar bis heute (s. Internet-Seiten über Esoterik).

Der Naturwissenschaftler, Mediziner, Psychologe und Maler Carl Gustav Carus schreibt in seinem Werk Psyche (1846):

„Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins. Psychologie ist also Entwicklungsgeschichte der Seele von der Unbewußtheit zur Bewußtheit.“

 

Ein Alptraum

Die Gedanken und Schriften Mesmers hatten nicht nur in Deutschland großen Einfluss, und es war überdies eine Zeit, in der europaweit die sogenannte „Schauerromantik" höchst beliebt war. Wahnsinn, Rausch, Verbrechen – oft mit Erotik verbunden – waren die Lesestoffe der Zeit. Auf diesem Hintergrund ist klar, dass die Gattung auch in der Malerei Fuß fassen konnte. Eines der besten und berühmtesten Gemälde dieser Art ist der „Nachtmahr“ von Johann Heinrich FüssliJ.H. Füssli, Der Nachtmahr (1782)

Die unheimlichen Hauptfiguren der Komposition, das glutäugige Geisterpferd und der Dämon entstammen dem europäischen Volksaberglauben. Seit alters her war der Inkubus, ein Nachtmahr, für bedrückende Träume verantwortlich gemacht worden, weil er sich, so die Sage, auf die Brust des Schlafenden setzt und Beklemmungen verursacht. Das Reittier des Dämons ist die „Mähre“ (vgl. das altgermanische „mar“, das den Alptraum bezeichnet!). Dieser pferdeköpfige Nachtmahr galt als Sinnbild sexueller Begierde, der die Menschen ausgeliefert sind – eine tiefenpsychologische Betrachtung des Pferdes, das durch die beiden Vorhänge schaut, dürfte dieser Deutung noch mehr Evidenz verleihen, und schließlich legt noch das körperbetonende Negligé der Frau sowie die Art und Weise, wie sie auf dem Bett liegt, eine Deutung nahe, die über eine Interpretation des Bildes als der Darstellung bloß eines Alptraumes hinausgeht.
Das völlig Neue an dem ersten Bild Füsslis war, dass zum ersten Mal ein psychologisches Erlebnis, also de facto etwas Inneres, zum alleinigen Gegenstand eines Bildes wurde. Sein Erfolg animierte den Maler dazu,
 ein zweites, sehr ähnliches Bild  zu malen: das hier abgebildete.
 
J.H.Füssli, Der Nachtmahr (1790)

Das oben abgebildete Gemälde Füsslis ist das zweite seiner Art; das erste malte er bereits im Jahre 1782 in England, wo es nicht zuletzt aufgrund der kaum verborgenen erotischen Gehalte überaus schockierte und bestenfalls auf Unverständnis stieß. Nichtsdestoweniger – oder vielmehr: gerade deswegen – wurde es in kürzester Zeit in ganz Europa berühmt. Es war das Skandalwerk schlechthin.
 
 
 
 
 

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