Soldatenhandel
Irgendwie mussten die Bauten,
die Bankette, Feste und Jagden,
die Reisen und die Liebschaften des Herzogs finanziert werden. Die
Steuerschraube
ließ sich nicht beliebig anziehen, der lukrative Verkauf
wichtiger
Ämter konnte nicht beliebig erweitert werden, Übergriffe auf
die Kasse des Kirchenrats waren nicht beliebig wiederholbar, und so war
bald die Grenze der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes
erreicht. Nun griff Carl Eugen zu einem Mittel, das ihn wiederum als
typischen
Herrscher des 18. Jahrhunderts kennzeichnete: Er verkaufte junge
Männer
als Soldaten an kriegführende Staaten im Ausland. Diese Praxis war
zu jener Zeit an der Tagesordnung:
Christian Friedrich
Daniel Schubart:
Hier ist
eine Probe der
neuesten Menschenschatzung! Der Landgraf von Hessen-Kassel
bekommt
jährlich 450 000 Taler für seine 12 000 tapfere Hessen, die
größtenteils
in Amerika ihr Grab finden werden. Der Herzog von Braunschweig
erhält
56 000 Taler für 3964 Mann Fußvolks und 360 Mann leichter
Reuterei,
wovon ohnfehlbar sehr wenige ihr Vaterland sehen werden. Der Erbprinz
von Hessen-Kassel gibt ebenfalls ein Regiment Fußvolk ab, um
den Preis von 25 000 Taler. 20 000 Hannoveraner sind bekanntlich schon
nach Amerika bestimmt und 3 000 Mecklenburger für 50 000 Taler
auch.
Nun sagt man, der Kurfürst von Bayern werde ebenfalls 4
000
Mann in englischen Sold geben. Ein fruchtbarer Text zum Predigen
für
Patrioten, denen's Herz pocht, wenn Mitbürger das Schicksal der
Negersklaven
haben und als Schlachtopfer in fremde Welten verschickt werden.
Im Verlauf der 50er Jahre
begannen im Herzogtum Württemberg die Soldatenaushebungen.
Da sich nicht genügend junge Männer freiwillig meldeten,
wurde
jeder, der achtzehn Jahre alt und tauglich war, mit roher Gewalt geholt
und mit grausamer Strenge zum Dienst gepresst. (Wie so etwas landauf,
landab zugehen konnte, erfahren wir aus den Lebenserinnerungen
des Schweizer Autors Ulrich Bräker, dem dieses Schicksal
widerfahren ist.) Nachdem anfangs die
Desertionen überhand nahmen, wurden
strenge Gesetze gegen Fahnenflucht
erlassen: Ein Flüchtiger, der wieder ergriffen wurde, hatte das
Leben
verwirkt, und wer einem Soldaten auf der Flucht half, verlor das
Bürgerrecht
und kam ins Zuchthaus.
Die Geldbeschaffung wurde schon bald zum Zentrum der herzöglichen
Politik, und schließlich wandten sich die Landstände 1764
mit
einer förmlichen Klage an das Reichshofgericht in Wien, das ihnen
in seinem Urteil 1770 in allen Punkten recht gab. Am Soldatenhandel
änderte
sich jedoch nichts. Nachdem Carl Eugen von 1752 bis 1757 insgesamt drei
Millionen Gulden am Verkauf von Soldaten verdient hatte, versuchte er
1776
weitere 3 000 Mann an England zu verkaufen. Allerdings war seine Armee
völlig heruntergewirtschaftet. Die gesamte Armee bestand nur noch
aus knapp 1700 Mann, deren Ausrüstung unbrauchbar geworden war.
Sogar
die Offizierszelte waren schon längst in Stücke geschnitten
worden,
weil man sie bei Festen des Herzogs gebraucht hatte. So wurde denn aus
diesem Geschäft letztendlich nichts, weil die Engländer
dankend
ablehnten. Im Jahre 1786 hatte er mehr Glück: Die
niederländisch-ostindische
Kompanie orderte 2 000 Mann zum Schutz ihrer südafrikanischen
Besitzungen
vor britischen Angriffen. Dafür erhielt der Herzog 300 000 Gulden.
Weitere 65 000 jährlich verdiente er mit der Lieferung einer
ausreichenden
Zahl an Ersatzleuten. Dabei schlug Carl Eugen zwei Fliegen mit einer
Klappe,
denn er versorgte sechs seiner illegitimen Söhne mit
Offiziersstellen
dieses Kapregiments und war sie damit los.
Im Jahre 1787 rückten die beiden Bataillone ab. Die
Ausrüstung
war miserabel, die Stimmung der Soldaten entsprechend. Sobald sie im
Ausland
waren, erfuhren sie, dass sie durch finanzpolitische Manipulationen
die Hälfte ihres ohnehin schon niedrigen Solds verloren hatten und
dass sie auf dem Schiff ihre Verpflegung selbst bezahlen mussten.
Die darauffolgende Revolte wurde niedergeschlagen. Die Überfahrt
war fürchterlich, und es starben ein Viertel der Männer.
Diejenigen, die
schließlich in Afrika ankamen, wurden schlecht
verpflegt und gingen in Fetzen gekleidet, so dass es wiederum zu einer
Revolte kam, die aber erneut niedergeschlagen wurde. Schließlich
wurden die beiden Regimenter geteilt und weil die Angriffe der Briten
ausgeblieben waren auf verschiedene Südseeinseln abkommandiert,
wo die Soldaten zunehmend verwahrlosten und an den verschiedensten
Krankheiten
starben. Von Ceylon aus schrieb der Kommandant des Kapregiments, Oberst
von Hügel, folgende Zeilen an seinen Herzog:
"So,
durchlauchtigster Herzog,
werden bei politischen Völkern und gesitteten Nationen die
Kriegsgefangenen
nicht behandelt, so wird mit dem Leben von Galeerensklaven, selbst
welche
sich durch Verbrechen in die niedrigste Stufe der Menschheit
herabgewürdigt
haben, nicht gespielt."
1795 kam es zu Kämpfen
mit
den Briten, und zahlreiche Soldaten traten
über oder gerieten in Gefangenschaft. Nach ihrer Freilassung
blieben
knapp 300 auf Java, wo sie, dem Alkohol verfallen, vor sich hin
vegetierten.
Fazit: Von den anfangs 3200 Mann kamen bis zur Jahrhundertwende 2300
ums Leben, ein paar hundert waren zum Gegner übergetreten oder
desertiert;
nicht einmal 100 kehrten zurück. Aber Herzog Carl Eugen war um
einige
hunderttausend Gulden reicher, und schließlich hatte er schon zu
Anfang gesagt: "Le rest peut m'être bien égal."
Der Dichter Christian
Friedrich Daniel Schubart schrieb und komponierte
anläßlich des Aufbruchs der beiden Bataillone 1787 das
bekannte "Kaplied",
das bald in aller Munde war und noch viele Jahre lang gesungen wurde.
Einer der bekanntesten
Texte zum Thema "Soldatenhandel" stammt von Gottfried
Seume (1763 - 1810), der 1781 von hessischen Werbern aufgegriffen und
in
die USA verschleppt wurde. In unserem (stark gekürzten)
Textausschnitt
beschreibt er die Überfahrt nach Amerika.
Weitere Informationen zum Soldatenhandel (ausführliches Schülerreferat)
