Obwohl die anziehenden Eigenschaften von geriebenem Bernstein (griech: Elektron) und von Magnetstein schon seit dem Altertum bekannt waren, blieben der Magnetismus und die Elektrizität lange unerforscht. Die systematische Erforschung setzte überhaupt erst im Barock ein, als man auch andere Materialien wie Glas oder Schwefel fand, die sich durch Reibung in einen "elektrischen" Zustand versetzen ließen.
Im Barock wurde die Elektrizität hoffähig
und Spiele mit den elektrischen Erscheinungen das Amusement der gehobenen
Gesellschaft. Prinzen, Fürste und Könige kamen in die Kabinette
der Physiker, um die neuen und sonderbaren Erscheinungen zu bestaunen.
Bei Gastmahlen wurde mit den geheimnisvollen Erscheinungen "gezaubert".
Elektrizität konnte schon durch Fäden und Drähte fortgeleitet werden, große und leistungsfähige Elektrisiermaschinen erzeugten zentimeterlange Funken, die selbst durch einen Menschen oder einen Eiszapfen hindurchgeleitet Weingeist entzünden konnten. Die blitzenden Funken und der Knall, den sie hervorriefen, erinnerten an das Feuer der Kanonen. Dieser Vergleich führte den amerikanischen Physiker und Staatsmann Benjamin Franklin (1706-1790) auf die Einführung des Begriffs der "elektrischen Ladung", die sich wie eine geladene Kanone laut knallend und mit Funkenschlag entlud.
Man begann, Zusammenhänge zwischen den Funken einer elektrischen
Entladung und den Himmelserscheinungen bei einem Gewitter zu vermuten.
Waren Blitze riesige Entladungsfunken?
Viele Experimente wurden zur Klärung dieses Problems angestellt.
Wie hatte sich damit die Auffassung von den Naturgewalten seit der Antike
verändert! Nicht mehr zornige Götter veranlaßten den Donner,
sondern Funkenentladungen. Die Versuche mit dem Gewitter waren jedoch gefährlich
und kosteten Menschenleben.
Weniger gefährliche Experimente stellte der französische Oberstleutnant Charles August de Coulomb (1736-1806) an. Er versuchte zu bestimmen, wie die Kraft zwischen zwei elektrischen Ladungen von der Entfernung abhängt. Von Anfang an war er davon überzeugt, daß diese Kraft genau wie die Gravitation mit dem Quadrat der Entfernung der Körper voneinander abnehmen würde. Die Experimente mit einer eigens dazu erfundenen Drehwaage bestätigten bald diese Vermutung. Josef Priestley kam in England etwa zur gleichen Zeit zu den selben Ergebnissen.
Ein noch völlig neues Gebiet der Elektrizität
erschloß sich, als Luigi Galvani (1737-1798) im Jahre 1780 einige
tote Frösche in die Nähe seiner Elektrisiermaschine brachte.
Als er sie während der Funkenentladung zufällig mit einem Messer
berührte, begannen die Frösche zu zucken. Außerdem begannen
die Froschbeine zu zucken, wenn Galvani sie mit zwei verschiedenen Metallen
berührte, auch wenn keine Elektrisiermaschine in der Nähe war.
Sein Kollege Alessandro Volta (1745-1827) konnte
bald in Pavia zeigen, daß auch dabei die Elektrizität im Spiel
war, da die Entladung eines Kondensators zu den gleichen Bewegungen der
Frösche führte. Volta schrieb dazu: "Ein zubereiteter Frosch
gibt einen Elektrizitätsmesser ab, der ohne Vergleich empfindlicher
ist als jeder andere."
Aber Volta experimentierte auch mit seinem eigenen Körper: Er
legte auf seine Zungenspitze ein Stanniolblättchen und dahinter eine
Silbermünze. Sobald sich die Metalle berührten, trat ein saurer
Geschmack auf. Dieser Geschmack trat auch bei anderen Metallen, aber in
unterschiedlicher Stärke, auf. So erstellte Volta eine "Spannungsreihe
", geordnet nach der Stärke des Geschmackseindrucks.
Auch mit seinen Augen und Ohren experimentierte Volta. Aus den Versuchen
schloß er, daß zwischen den beiden Metallen durch die Säure
ein stetiger Strom fließe.Er konnte mit diesen Erkenntnissen die
erste Batterie, die Voltasche Säule, bauen. Nun war es möglich,
konstante Ströme zu erzeugen, die sich als unerläßlich
für die weiteren systematischen physikalischen Forschungen zeigen
sollten.
Während sich in Frankreich mit der Französischen
Revolution die rationale Weltauffassung und ein mechanisches Weltbild durchsetzten,
herrschte in Deutschland die Romantische Naturphilosophie vor. Die deutsche
Naturphilosophie hatte einen unübersehbaren, wichtigen und positiven
Einfluß auf die Entwicklung der Physik. Ihr alles durchdringender
Weltgeist ließ die Physiker Zusammenhänge vermuten, wo vorher
nur Einzeltatsachen gesehen wurden.
Danach sollten alle Naturerscheinungen wie Licht, Elektrizität,
Magnetismus, chemische Kräfte und Wärme miteinander verbunden
und ineinander umwandelbar sein.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Jena eines der bedeutendsten geistigen
Zentren der Welt und Mittelpunkt der deutschen Romantik. In dieser Atmosphäre
des Geistes wiederholte Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) manches, was
Volta schon herausgefunden hatte. Er erfand schließlich den ersten
Akkumulator und konnte ausführliche Untersuchungen zur Zersetzung
von Wasser durch elektrische Ströme liefern, die zur Begründung
der Elektrochemie führten.
Der Däne Hans Christian Örsted (1777-1851) wollte, nachdem
er bei seinem Studium in Jena das romantische Weltbild kennengelernt hatte,
den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus erforschen.
Örsted konnte zeigen, daß elektrische Ströme, d.h. bewegte
elektrische Ladungen, magnetische Kräfte hervorrufen können.
Nun wurde nach der Umkehrung gesucht.
Konnte Magnetismus elektrische Ladungen erzeugen?
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hielt Vorlesungen über Philosophie
und setzte sich mit den neuesten Entdeckungen Faradays auseinander. In
seiner "Zeitschrift für spekulative Physik" stellte er sich die Aufgabe,
die Physik aus den Prinzipien des reinen Denkens heraus auf gesicherte
Grundlagen zu stellen.
Doch die Physik begann bald, Spekulationen zu verabscheuen
und ihren Charakter als empirische
Wissenschaft zu betonen. Auch die Philosophie wandte sich wieder von
der Naturwissenschaft ab. Einer der stärksten Verfechter des "Dynamismus"
der englischen Entsprechung zur romantischen Naturphilosophie in Deutschland
war Michael Faraday (1791-1867): "Seit langem habe ich, vermutlich mit
vielen anderen Freunden der Naturkunde, die an Überzeugung streifende
Meinung gehegt, daß die verschiedenen Formen, unter denen die Kräfte
der Materie auftreten, einen gemeinschaftlichen Ursprung haben, oder, mit
anderen Worten, so in direktem Zusammenhange und gegenseitiger Abhängigkeit
stehen, daß sie gleichsam ineinander verwandelt werden können
und äquivalente Kräfte in ihren Wrkungen besitzen."
1831 konnte Faraday seine Vermutungen endgültig bestätigen:
Die Veränderung magnetischer Felder bewirkt elektrische Spannung.
Die elektromagnetische Induktion war entdeckt. Sie sollte Grundlage für
das Generatorprinzip werden, der wichtigsten Stromquelle in den folgenden
Jahrzehnten. Aber auch der Transformator basiert auf diesem Prinzip. Darüberhinaus
verdanken wir Faraday den Feldbegriff. Damit löste er die Frage der
Kraftübertragung von den mechanischen Vorstellungen, indem er jedem
Punkt im Raum eine Kraftrichtung zuordnete. Er verglich die Feldlinien
mit gespannten Gummibändern und vermutete einen überall vorhandenen
Äther.
Ein Blick nach England zu Priestley und Cavendish und nach Frankreich
zu Coulomb zeigt, wie wichtig es ist, sich nicht auf die rein pragmatische
Beschreibung der Beobachtungen zu beschränken, sondern den Ursachen
auf die Spur zu kommen. Diesen nämlich war eine korrekte Beschreibung
der Vorgänge als vollständige Lösung erschienen.Doch welche
Erklärung für die Kraftübertragung durch den freien Raum
fand nun Faraday? In seiner Theorie stützte er sich auf einen noch
heute im Physikunterricht praktizierten Versuch: Streut man nämlich
z.B. Eisenfeilspäne in der Nähe eines Magneten aus, so ordnen
sich diese in Linienmustern von einem zum andern Pol an.
Faraday sah in diesen Linien ein Anzeichen für
eine Veränderung, die von der Ladung ausgehend den ganzen Raum erfaßt.
Diesen Zustand des Raums bezeichnete er als "elektrisches Feld". Die Benennung
sowie das Modell haben sich bis in unsere Zeit bewährt, um die Kraftübertragung
anschaulich darzustellen. Durch die Feldtheorie wollte Faraday auch das
von Newton ungelöst gelassene Problem der Kraftausbreitung bewältigen.
Er nahm an, dass die Kräfte sich im Äther entlang der Feldlinien
ausbreiten würden.
Obwohl sich diese Annahme nicht bestätigte, konnte durch die Feldtheorie
Newtons Fernwirkungstheorie durch eine Nahwirkungstheorie ersetzt werden.
Newtons Problem war weitgehend gelöst.