Adelskritik
– Freiherr von Knigge
Adolph Freiherr von Knigge (1752-1796)
gilt als Verfasser einer Sammlung von Benimmregeln, eines Kompendiums
des guten Tons. Er war jedoch viel mehr als das: ein unermüdlicher
und mutiger Streiter für eine bessere, gerechtere und korruptionsfreie
Gesellschaft, die seiner Ansicht nach mit dem aufgeklärten Absolutismus
begann, in dem der Herrscher seinem Volk dient, und nicht umgekehrt: „Man
gestatte einzelnen Ständen und Personen keine Monopole und Privilegien
als zum Vorteile der Fleißigern und Tugendhaftern." Knigge hatte
sich logischerweise mit zahlreichen Anfeindungen seitens des Adels auseinanderzusetzen
und musste oft sogar fliehen. Er war Romanautor, Theaterdichter, Satiriker,
vor allem aber ein kritischer, spöttischer Geist, dessen Bücher
zu seinen Lebzeiten verschlungen wurden. Vor allem das Werk „Über
den Umgang mit Menschen“ (1788) wurde zum Bestseller. Es war das
Brevier der Zeit, bis dahin ohne Vorbild, trotz des ernsten Inhalts kurzweilig
geschrieben, ein Katalog der Erfahrungen seines Lebens. Die letzten Jahre
seines Lebens fesselte ihn eine schwere Krankheit ans Bett, doch selbst
unter widrigsten Bedingungen schrieb er weiter. Noch in seinem vorletzten
Lebensjahr verfasste er das resignative Resümee seines lebenslangen
Einsatzes: „Über Eigennutz und Undank“. Knigges
Werk „Über den Umgang mit Menschen“ will den Bürger zu
neuer Menschlichkeit erziehen. Es vermittelt keine normierenden Verhaltensregeln,
sondern gibt Ratschläge, wie das Zusammenleben vieler verschiedener
Menschen am besten funktioniert. Dabei finden sich Hinweise zum Umgang
mit Menschen verschiedenster Stände, Temperamente und Situationen:
Hauswirte, Freunde, Verliebte, Betrunkene, Adlige, Fremde – sie alle und
noch viele mehr tauchen wie in einem bunten Kaleidoskop in dem Buch auf.
Aus diesem Werk stammt auch der folgende Text:
Baue überhaupt nicht
auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen!
Sie achten Dich, solange sie Deiner bedürfen, sind wankelmüthig,
glauben lieber das Böse, als das Gute, und der Letzte hat bey ihnen
immer recht. Bey der mehrsten von ihnen wiegen Politik und Vorsichtigkeit
die Freundschaft auf. Sie werden Dir nicht leicht nützliche Winke
geben, aus Furcht, daß Du sie compromittiren mögtest. In großen
Verlegenheiten werden sie Dich stecken lassen, selbst wenn sie Dich hineingeführt
haben.
Nütze aber die Zeit
ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue, Wahrheit und Menschenliebe
zu ermuntern! Stimme ihnen nicht bey, wenn sie je vergessen wollen: daß
sie, was sie sind und was sie haben, nur durch Uebereinkunft des Volkes
sind und haben; daß man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann,
wenn sie Mißbrauch davon machen; daß unsere Güter und
unsere Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern, daß alles, was sie
besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle ihre und der ihrigen
Bedürfnisse befriedigen und ihnen noch obendrein Rang und Ehre und
Sicherheit geben und Geiger und Pfeifer bezahlen; endlich, daß in
diesen Zeiten der Aufklärung bald kein Mensch mehr daran glauben wird,
daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen Nation,
ein angeerbtes Recht haben könne, hunderttausend weisern und bessern
Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne
Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk,
dessen treue Diener sie sind, sie liebt und für das Wohl der Edeln
Segen vom Himmel erfleht. – Es versteht sich, daß diese Wahrheiten
einiger Einkleidungen bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren
der Großen harmonisch klingen sollen.
(aus: Adolph Freiherr Knigge,
Sämtliche Werke, hrsg. von Paul Raabe, et al., Band 10, Abteilung
II: Moralphilosophische Schriften in 3 Bänden. Über den Umgang
mit Menschen, Nendeln/ Liechtenstein 1978 (photomech. Nachdruck der Ausgabe
von 1796) S.31f.)
Wer hat uns zu Vormündern
auf ewige Zeiten von gewissen Volks-Classen gemacht, ohne Unterschied,
ob unter Diesen nicht vielleicht Menschen sind, deren Verstandskräfte
die unsrigen weit übertreffen? Noch einmal! unmündig und schwach
bleibt freylich der gröste Theil aller Lebendigen; aber dieser Theil
besteht nicht grade aus Bauern. Das wäre ja erschreklich, wenn ein
ganzer Stand, und zwar der nützlichste im Staate, verurtheilt seyn
sollte, ewig dumm und unwissend zu bleiben; und es ist thöricht, zu
sagen, man werde an ihm zum Wohlthäter, wenn man ihn in einer Täuschung
erhält, bey welcher er sich so übel befindet.
Allein nicht nur ist keine
Befugniß, es ist auch keine Möglichkeit da, die Aufklärung
zurükzuhalten; und wenn sie nun einmal, ohne unser Gebet, ihre Fortschritte
macht; so ist es die Pflicht Derer, die über so wichtige Gegenstände
reiflicher nachgedacht haben, ihren Mitbürgern den Leitfaden zu bessrer
Anordnung ihrer Gedanken zu geben - das ist wahrer SchriftstellerBeruf.
Auf diese Weise kann der Gelehrte, wenn er das Bedürfniß seines
Zeitalters richtig kennt, Sehr nüzlich werden. Schaden stiften kann
er, wenn das, was er sagt, wirklich ächte Wahrheit ist, nie. Kömmt
diese Wahrheit zur Unzeit, das heist: calculirt er das Bedürfniß
unrichtig; so wird sie nicht erkannt, nicht verstanden, zieht ihm vielleicht
Verfolgung zu; aber Unglük kann Der nie stiften, der ächte Wahrheit
geltend macht. Sehr viel mehr Unglük stiftet halbe Aufklärung;
Verworrenheit in Begriffen. Und jetzt leben wir in einem Zeitalter, das
sehr viel Licht verträgt, in welchem man gewisse Wahrheiten nicht
zu oft sagen kann.
(Aus: Adolph Freyherr Knigge:
Josephs von Wurmbrand, Kaiserlich abyssinischen Ex-Ministers, jezzigen
Notarii caesarii publici in der Reichsstadt Bopfingen, poltisches Glaubenbekenntniß,
mit Hinsicht auf die Französische Revolution und deren Folgen [1792
– Anm. v. Autor]. Hrsg. von Gerhard Steiner, Frankfurt/ M. 1969, S. 94
f.)
Wer mehr über Knigge, sein Werk
und sein Leben, erfahren will, kann sich auf den
Spezialseiten zu Knigge ganz genau informieren. Hier sind auch weniger
bekannte Informationen gut recherchiert und aufbereitet zusammengetragen
(mit Literaturliste für eigene Referate etc.)