Das Leben des Adels - am Beispiel Carl Eugens von Württemberg

  Diese wohlgemeinten guten Ratschläge finden sich im sogenannten „Fürstenspiegel", den Friedrich der Große, König von Preußen, seinem Neffen Carl widmete. Dieser Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728–1793) war im Begriff, 1744, also mit 16 Jahren, die Regierung seines Herzogtums zu übernehmen. Zuvor mußte er gegen die Hausgesetze vom Kaiser für volljährig erklärt werden.
Um es vorwegzunehmen: Die guten Ratschläge Friedrichs II. nutzten überhaupt nichts; Carl entwickelte sich zu einem Despoten schlimmster Sorte und zeichnete sich durch eine Regierungsweise aus, die all das idealtypisch beinhaltete, was viele deutsche Fürsten – oft allerdings in abgemilderter Form, – kennzeichnete: Verschwendungssucht, Unmoral, willkürliche Unterdrückung der niederen Stände und Soldatenhandel. Sicherlich waren nicht alle Fürsten so extrem wie Carl Eugen, aber es ist dennoch unumstritten, daß ihm der eine mehr, der andere etwas weniger glich, und es ist sicher keine zu grobe Pauschalisierung, wenn man sagt, daß das Porträt des Herzogs von Württemberg stellvertretend für eine Gesamtdarstellung deutscher Fürstenwillkür im 18. Jahrhundert stehen kann. Dass diese Aussage zutrifft, zeigt nicht zuletzt der Blick auf das Werk eines Mannes – eines Adligen, der heute (zu Unrecht) nur noch bekannt ist als Ratgeber in Fragen des guten Benehmens, der aber zeitlebens ein heftiger Kritiker seiner adligen Zeitgenossen war: auf das Werk des Freiherrn von Knigge!
Zahlreiche literarische Texte geißeln die Handlungsweise der Fürsten der damaligen Zeit - manche indirekt, manche aber auch sehr direkt, was nur zu oft zur Verfolgung der Verfasser und zu ihrer oft unmenschlichen Bestrafung führte. Ein Beispiel dafür ist das Schicksal Christian Friedrich Daniel Schubarts, der auf Anordnung Carl Eugens ohne Prozeß 10 Jahre auf der Festung Hohenasperg eingesperrt war, ohne genau zu wissen, warum.
Auch Schiller nahm kein Blatt vor den Mund, doch als er 1784 sein Drama Kabale und Liebe veröffentlichte, war er schon außer Landes, sonst wäre es ihm genauso ergangen wie Schubart (mehr zu Schillers Biografie bis 1784 ist auf einer separaten Datei zu erfahren). In einer berühmten Szene dieses Dramas kritisiert Schiller den Soldatenhandel aufs schärfste. Die Szene steht am Anfang des zweiten Aktes, und Lady Milford wird als eine gebildete junge Adlige vorgestellt, die zwar Mätresse des Fürsten ist, die aber – wie man später erfährt – ihren Einfluß auf den Fürsten immer nur dazu verwendet hat, ihn zu guten Taten anzuhalten oder Willkürakte seinerseits dem Volk gegenüber zu verhindern.
Die Zeitgenossen im damaligen Herzogtum Württemberg erkannten sehr wohl die Ähnlichkeit zwischen einigen Personen am Hofe und im Drama, was den Text hochbrisant machte. Der korrupte Präsident hat ebenso ein lebendiges Pendant am Hofe Carl Eugens wie Lady Milford. Ihr stand die wichtigste Mätresse des Herzogs Pate: Franziska von Hohenheim. Carl Eugen lernte sie 1769 kennen und schenkte ihr drei Jahre später das Schloßgut Hohenheim.

Sicherlich wird man Carl Eugen nicht gerecht, wenn man nur seine negativen Seiten betont. Seine Prunksucht hatte auch etwas Positives: Das Geld für seine Schlösser kam zum Teil den Handwerkern und Bauleuten des Landes zugute, die ausländischen Baumeister und Fachleute gaben dem einheimischen Gewerbe wichtige Impulse, und sein Prunkbedürfnis führte auch direkt zur Gründung von Fabriken. Und einige von Carl Eugens Einrichtungen wurden angesichts des negativen Gesamtbildes auch zu einseitig gesehen, so z.B. die von ihm gegründete Hohe Karlsschule, die durch Schillers Darstellung und durch den Spott Schubarts sehr in Mißkredit geriet. Tatsache ist jedoch, daß diese Schule zu den bedeutendsten pädagogischen Anstalten des 18. Jahrhunderts gehörte. Der Anlaß zur Gründung der Schule war übrigens Carl Eugens Reue über seine Jugendsünden, und er wollte seinen zahlreichen illegitimen Sprößlingen eine ordentliche Ausbildung zukommen lassen (in der Karlsschule waren nur Jungen, es wurde aber auch eine Mädchenschule gegründet).
 
 
 
 

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