Alexander von Humboldt

Kosmos

In den historischen Betrachtungen habe ich fast überall bei Angabe der frühen Keime des Naturwissens den Grad der Entwicklung bezeichnet, zu dem sie in der neuesten Zeit gelangt sind. Der dritte und letzte Teil meines Werkes liefert zur Erläuterung des allgemeinen Naturgemäldes die Ergebnisse der Beobachtung, auf welche der jetzige Zustand wissenschaftlicher Meinungen hauptsächlich gegründet ist. Vieles, das man nach anderen Ansichten der Komposition eines Buches von der Natur, als die meinigen sind, hier vermissen kann, wird dort seinen Platz finden. Durch den Glanz neuer Entdeckungen angeregt, mit Hoffnungen genährt, deren Täuschung oft spät erst eintritt, wähnt jedes Zeitalter, dem Kulminationspunkte im Frkennen und Verstehen der Natur nahe gelangt zu sein. Ich bezweifle, daß bei erstem Nachdenken ein solcher Glaube den Genuß der Gegenwart wahrhaft erhöhe. Belebender und der Idee von der großen Bestimmung unseres Geschlechts angemessener ist die Überzeugung, daß der eroberte Besitz nur ein sehr unbeträchtlicher Teil von dem ist, was bei fortschreitender Tätigkeit und gemeinsamer Ausbildung die freie Menschheit in den kommenden Jahrhunderten erringen wird. Jedes Erforschte ist nur eine Stufe zu etwas Höherem in dem verhängnisvollen Laufe der Dinge.
Was die Fortschritte der Erkenntnis in dem 19. Jahrhundert besonders befördert und den Hauptcharakter der Zeit gebildet hat, ist das allgemeine und erfolgreiche Bemühen, den Blick nicht auf das Neuerrungene zu beschränken, sondern alles früher Berührte nach Maß und Gewicht streng zu prüfen, das bloß aus Analogien Geschlossene von dem Gewissen zu sondern und so einer und derselben strengen kritischen Methode alle Teile des Wissens, physikalische Astronomie, Studium der irdischen Naturkräfte Theologie und Altertumskunde, zu unterwerfen. Die Allgemeinheit eines solchen kritischen Verfahrens hat besonders dazu beigetragen, die jedesmaligen Grenzen der einzelnen Wissenschaften kenntlich zu machen, ja die Schwäche gewisser Disziplinen aufzudecken, in denen unbegründete Meinungen als Tatsachen, symbolisierende Mythen unter alten Firmen als ernste Theorien auftreten. Unbestimmtheit der Sprache, Übertragung der Nomenklatur aus einer Wissenschaft in die andere haben zu irrigen Ansichten, zu täuschenden Analogien geführt. […]
Wenn die Kunst innerhalb des Zauberkreises der Einbildungskraft recht eigentlich innerhalb des Gemüts liegt, so beruht dagegen die Erweiterung des Wissens vorzugsweise auf dem Kontakt mit der Außenwelt. Dieser wird bei zunehmendem Völkerverkehr mannigfaltiger und inniger zugleich. Das Erschaffen neuer Organe (Werkzeuge der Beobachtung) vermehrt die geistige, oft auch die physische Macht des Menschen. Schneller als das Licht trägt in die weiteste Ferne Gedanken und Willen der geschlossene elektrische Strom. Kräfte, deren stilles Treiben in der elementarischen Natur wie in den zarten Zellen organischer Gewebe jetzt noch unseren Sinnen entgeht, werden, erkannt, benutzt, zu höherer Tätigkeit erweckt, einst in die unabsehbare Reihe der Mittel treten, welche der Beherrschung einzelner Naturgebiete und der lebendigeren Erkenntnis des Weltganzen näher führen.


aus: A. von Humboldt, Kosmos, in: A.v.H., Ansichten der Natur, hrsg. v. Herbert Scurla, Verlag der Nation o.J., S. 450 f


 






Humboldt über den Einfluss Goethes auf sein Weltbild:


In den Wäldern des Amazonenflusses wie auf dem Rücken der hohen Anden erkannte ich, wie von einem Hauche beseelt von Pol zu Pol nur ein Leben ausgegossen ist in Steinen, Pflanzen und Tieren und in des Menschen schwellender Brust. Überall ward ich von dem Gefühle durchdrungen, wie mächtig jene Jenaer Verhältnisse auf mich gewirkt, wie ich, durch Goethes Naturansichten gehoben, gleichsam mit neuen Organen ausgerüstet worden war.


Alexander von Humboldt an Karoline von Wolzogen, 14.5. 1806

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